Gedanken zu Hartz IV

Ein wirklich toller Beitrag im ZDF Magazin Royale hat mich zum Nachdenken gebracht.

Beitragsbild: ZDF

Ich war mal selbst in Hartz IV. Öfter und länger als mir lieb war und ist. Beim letzten Mal aber ist mir echt der Hutkragen geplatzt. Nun, eigentlich beim vorletzten Mal und beim letzten Mal. Aber fangen wir mal ganz vorne an.

Nach der Erstausbildung

Ich war mit meiner Erstausbildung nicht glücklich, habe sie aber trotzdem beendet. Ich zog nach Dortmund und fand recht schnell einen Job als Apothekenfahrer. Schlecht bezahlt, Wochenarbeitszeit circa 60 Stunden, sechs Tage Woche. War mir egal. Blöd, dass ein altes Knieleiden durch die für mich viel zu engen Autos und viel zu langen Fahrten wieder aufbrach und ich nach sechs Monaten erstmal ein halbes Jahr krank feiern musste. Resultat: Krankengeld und daraus resultierend Mietschulden, da beim Krankengeld damals (ich weiß nicht, wie es heute ist) nur die Regelarbeitszeit berücksichtigt wird. Stütze gab es nicht, weil ich ja Krankengeld bezog. Ich musste dann krankheitsbedingt den Job aufgeben und war damit in Hartz IV.

Hilfe von der damaligen Arge gab es so gut wie keine, als ich sagte, dass ich eine Idee für eine Firma habe, steckte man mich in eine Maßnahme zur Existenzgründung. Hauptsache raus aus der Statistik. Ich zog mich am Ende selbst an Land und ergatterte einen Job im Ausland. Vorstellungsgespräch wird bezahlt, klar, aber nur wenn man eingestellt wird. Großes Risiko und für den Flug nach Irland musste ich tatsächlich Sachen verkaufen, damit ich es mir überhaupt leisten konnte.

Drei Jahre Frankreich

Ich hatte Glück und wurde eingestellt. Drei Jahre war ich dann in Frankreich (nur in der Niederlassung dort war etwas frei) und als ich heim kam, rutschte ich wieder in Hartz IV. Warum kein ALG I ? Na, weil ich in der Zeit natürlich nicht in die deutsche Arbeitslosenversicherung eingezahlt hatte. Ich hätte noch in Frankreich bleiben sollen und den Anspruch auskosten sollen, hieß es, oder sich um einen Job hier in Deutschland kümmern. Tja, wie soll man das machen? Meine damalige Freundin hat mich zwei Tage vor dem Termin beim französischen Arbeitsamt vor die Tür gesetzt. Job weg, Wohnung weg, Ehefrau war eh schon weg und nun auch noch Freundin. Wie soll man das denn bitte planen?

Ich fuhr also die 8 Stunden zu Mama und war am nächsten Tag bei der Arge. An der Wand stand in roter Farbe „Arge tötet!“ – das sollte sich in den nächsten Jahren bewahrheiten. Bei der Antragsstellung ging es schon los: Situation erklären war nicht so einfach.

„Ich wohne bei meiner Oma, schlafe dort aber nicht. Die hat nur ein Sofa, deswegen schlafe ich bei Kumpels oder mal bei meiner Mama, die allerdings bei ihrem Freund und seiner Mutter wohnt, die möchten nicht, dass ich da ständig bin. Also tagsüber bei meiner Oma, nachts bei meiner Mama und dann wieder nach dem Aufstehen zu meiner Oma.“

„Das geht so nicht. Wir müssen sie ja erreichen können.“

„Können sie doch. Erstens habe ich ein Handy, zweitens bin ich jeden Tag bei meiner Oma. Wenn sie Post schicken, bekomme ich das mit, da ich die sogar reinhole.“

„Geht so nicht. Sie müssen sich da aufhalten, wo sie gemeldet sind.“

„Ich darf also das Haus nicht verlassen?“

„Doch, klar. Aber Urlaub müssen sie anmelden.“

„Gilt es als Urlaub, wenn ich im gleichen Ort schlafe, nur eben drei Straßen weiter?“ (Es waren mit dem Auto circa 5 Minuten Fahrt)

„Zahlen sie denn Miete bei ihrer Oma?“

„Nicht direkt. Sie möchte keine richtige Miete, aber hätte schon gern etwas bei den Kosten dabei für Wasser, Strom und so. Ist auch nicht viel, 50 Euro möchte sie nur haben.“

„Strom zahlen wir nicht.“

„Das war eine Erklärung, warum meine Oma Geld von mir sehen will, nicht eine Aufstellung der Nebenkosten.“

„Das zahlen wir trotzdem nicht.“

Das Gespräch lief echt nicht besonders toll, doch es kam noch besser. Als ich endlich einen Termin zur Antragsabgabe bekommen konnte, habe ich alles mitgebracht, was gefordert war. Auch meine letzte Bewerbung.

„Kein Wunder, dass sie arbeitslos sind. Das ist eine grausige Bewerbung.“

„Das ist meine letzte Bewerbung.“

„Sie können doch nicht da rein schreiben, welche Spiele sie gespielt haben.“

„Das war für eine Videospielfirma. Ich habe den Job bekommen, wie sie aus meinen Unterlagen ja sehen können.“

„Da ist trotzdem ein Rechtschreibfehler.“

„Ich hab übrigens am Dienstag ein Vorstellungsgespräch bei Firma Schlagmichtot.“

„Sehr gut. Dann brauchen sie uns ja nicht.“

„Moment. Gespräch. Bis der Antrag bei ihnen durch ist, vergehen vier Wochen, soll ich also jetzt die Zeit abwarten, bis die sich in der Firma gemeldet haben und dann erneut einen Antrag stellen. Nee, das ziehen wir jetzt durch und dann sage ich ab, wenn ich eingestellt bin.“

Die Umschulung

Ab da wurde es zum Glück besser. Aber dieser „Wir wollen dich Sozialschmarotzer nicht haben, geh weg.“ Tonfall, der war sehr unangenehm. Ich hatte recht viel Glück, dass mir ein Arzt sagte: Du hast eine Menge mitgemacht und gerade eh keinen Job. Geh doch in die Klinik und komm erstmal wieder auf die Beine. Also gab es zumindest mal keine dämlichen Maßnahmen, Sanktionen und Mussbewerbungen.

Aber ich wurde nach dem Ende der Klinik in diverse Reha-Maßnahmen gesteckt. Nicht so pralle, aber immerhin, nach 1,5 Jahren sagte man mir: Mach doch mal eine Umschulung, aus deinem erlernten Beruf bist du ja nun solange raus. Stimmt. Und ich mochte den ja eh nicht.

Ich wurde also zwei Jahre in die Umschulung zum Verwaltungswirt gesteckt. (Nicht der mit Diplom, sondern der mit Angestelltenprüfung 1) Während dieser Zeit trennten sich die Wege von mir und meiner damaligen Freundin. Beide waren wir aber finanziell nicht gut aufgestellt und wir verstanden und noch gut. Da ich unter der Woche eh im BfW geschlafen habe und maximal am Wochenende mal da war, war es nach unserer Auffassung kein großes Ding, auch weiterhin zusammen zu wohnen.

Ich teilte es also dem Jobcenter mit. Der Antrag wurde natürlich abgelehnt. Ich rief also an.

„Wir glauben ihnen nicht.“

„Nicht glauben ist aber eine schlechte Begründung.“

„Ja, normalerweise zieht man ja in eine andere Wohnung, wenn man sich trennt.“

„Durchaus. Aber ich bin unter der Woche eh im BfW und schlafe hier und auch am Wochenende bin ich oft nicht in Steinheim.“

„Ja, wenn sie da gar nicht sind, dann sind wir ja gar nicht mehr zuständig. Dann müssen sie da ja einen neuen Antrag stellen.“

…Es folgte ein langer Exkurs im Sozialrecht meinerseits über gewöhnlichen Aufenthalt und sowas…

„Sie haben sich ja gut informiert.“

„Ja, mein Dozent in der Umschulung, in die sie mich gesteckt haben, ist da echt gut.“

„Wir machen das trotzdem nicht.“

„Und wieso?“

„Weil wir keinen Beweis haben, dass sie nicht mehr zusammen sind.“

„Sie könnten jemanden vorbeischicken.“

„Das ist auch nicht immer aufschlussreich.“

„Und deswegen machen sie es erst gar nicht?“

Es kam dann irgendwann wer vorbei. Er sah, dass ich ein eigenes Zimmer hatte, wo ich gerade nach einem Bett suchte und dass meine Bettwäsche auf dem Sofa lag. Fall geschlossen. Ich war übrigens auch kurz vor dem Ende meiner Umschulung, eine andere Wohnung zu dem Zeitpunkt zu suchen, wo ich ja gar nicht weiß, wo ich einen Job bekommen würde, wäre also mal richtig dumm gewesen. Aber die wollten in der Tat lieber zwei Umzüge da bezahlen und dann bei Arbeitsaufnahme nochmal einen, man muss sich ja bundesweit bewerben.

Der erste Job

Leider bekam ich nur erstmal einen Teilzeitjob. Ich rechnete und kam auf ungefähr 80 Euro, welche ich mir beim Jobcenter holen könnte. Ich habe lange überlegt, aber mir auch gedacht: Warum soll ich denen was schenken? Also Geld beantragt und unter Vorbehalt bewilligt bekommen. Ich musste durch so viele Reifen springen, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Grundriss des Hauses bringen. Skizzieren, wie mein Zimmer aussieht. Da ich in eine WG gezogen bin. Wie soll ich mir auch mit einem Teilzeitjob eine Wohnung im Süden leisten können?

Die Krönung war aber: Ich musste einen Teil zurückzahlen. Weil ich meinen Pflichten nicht nachgekommen war. Jeden Monat sollte ich meine Gehaltsabrechnung einreichen. Mal davon ab, dass sich mein Gehalt eher selten geändert hat, gab es nur eine, wenn sich tatsächlich das Gehalt vom Vormonat unterschieden hat. Leicht erkennbar an der fortlaufenden Nummer auf den Abrechnungen.

Das interessierte beim Jobcenter aber niemanden. Die wollen jeden Monat, also muss der Arbeitgeber da gefälligst springen. Man, was war ich froh, als ich endlich in Vollzeit gehen konnte.

Ich bin nicht sauer auf Arge/Jobcenter

Die machen genauso ihren Job wie ich. Auch ich muss Gesetze umsetzen, egal ob ich sie doof finde oder nicht. Und ich habe auch schon Nettes beim Jobcenter erlebt. Ich bin eher sauer auf die Gesetze. Und dass man jeden einzelnen ALG2-Bezieher unter Generalverdacht stellt, er würde sich auf Staatskosten einen faulen Lenz machen will. Auslandsvorstellungsgespräche werden nur bei Einstellung gezahlt, damit man sich keinen Mini-Urlaub erschleichen kann. Ja, sicher, 3 Tage von denen 2 Tage Reise sind, sind natürlich super geil als Urlaub. Es ist dieser Generalverdacht, unter den man gestellt wird. Dieses Abstempeln als Schmarotzer.

Natürlich gibt es Leute, die nicht arbeiten wollen. Die bekommt ihr aber auch nicht mit Maßnahmen und Auflagen dazu. Ihr bekommt aber die, die tatsächlich arbeiten wollen, mit gezielter Förderung und nicht mit Gängelung wieder in die Spur.

Ich habe mal zwei Wochen als Aushilfe im Sicherheitsdienst gearbeitet, ohne den notwendigen Schein. Ratet mal, was für Bewerbungsvorschläge ich 300 km weit entfernt bekommen habe. Ich habe echt überlegt, mich da überall zu bewerben, nach Hamburg zu fahren und mir dann einen schönen Tag in Hamburg zu machen. Aber ich empfand das einfach als absolut dämlich, denn das ist ja nur rausgeworfenes Geld des Staates.

Im verlinkten Video gibt es noch ein paar mehr Anekdoten.

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